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Nachhilfe-Boom: Co-Learning statt Hinterzimmer – Offenburger Start-up „Lückenfller“ will Nachhilfe neu denken

Lückenfüller
© Lückenfller – Gründer Maurits Hilberts (mitte) mit seinen Mitstreitern Jessica Frank und Steffen Held.
Nachhilfe boomt – nicht nur bundesweit, sondern auch in der Ortenau. Sinkende Schülerleistungen, schlechte Pisa-Ergebnisse und die Folgen der Pandemie treiben Eltern, Jugendliche und Schulen zu neuen Lernangeboten. Neben etablierten Instituten entstehen moderne Konzepte, die Lernkultur neu denken wollen. In Offenburg startet mit „Lückenfller“ ein Anbieter, der auf Co-Learning, Transparenz und Kooperation mit Schulen setzt – und damit auf einen Markt reagiert, der lange als verbrannt galt.
Von Wolfgang Huber

Die Angebote für Nachhilfe für Schüler:innen, Auszubildende oder Student:innen nehmen zu. In der Ortenau gibt es ein breites Angebot, etwa beispielsweise die Lernwelt Schartel oder Nachhilfe2go (beide Lahr), den Studienkreis Nachhilfe in Offenburg, das Lernstudio Barbarossa in Kehl oder Franchise-Konzepte wie das Abacus-Nachhilfeinstitut. Doch es entstehen auch neue Firmen, die den Markt zur Behebung von Lerndefiziten erkannt haben.

Niedrigster Pisa-Wert aller Zeiten

Der Bedarf ist groß. So haben die Leistungen der deutschen Schüler:innen bei der letzten Pisa-Studie 2022 im Vergleich zu 2018 noch einmal deutlich nachgelassen. Dabei wurden die niedrigsten Werte gemessen, seit die Studie erhoben wird, wie die Frankfurter Rundschau schreibt. Gemessen wurden die Leistungen im Lesen, in Mathematik sowie in den Naturwissenschaften. Es nahmen über 6.000 deutsche Schüler:innen im Alter von 15 Jahren teil.

Strukturelle Defizite

Durch die Corona-Pandemie und die Schulschließungen sowie den Distanzunterricht wurde dieser Effekt noch verstärkt, heißt es, auch wenn weitere Faktoren wie strukturelle Defizite oder die soziale Herkunft eine Rolle spielen. Der Trend zu schlechteren Schulleistungen hatte bereits vor Corona eingesetzt. Dennoch – und gerade deshalb – nehmen immer mehr Jugendliche Nachhilfeangebote in Anspruch.

Corona

Die Pandemie hat die Lernrückstände bei deutschen Schülern vergrößert. Foto: prostooleh/freepik

Bleibt zunächst nur zu hoffen, dass die Qualität der Nachhilfe dazu taugt, die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Bildungssystems im internationalen Vergleich insgesamt zu verbessern. Langfristig hängt davon der Erfolg der Wirtschaft ab und damit auch die Frage, ob der Wohlstand in Deutschland einigermaßen gehalten werden kann.

„Modern und kundenfreundlich“

In Offenburg gibt es jetzt mit „Lückenfller“ ein neues Nachhilfeangebot. Der ehemalige Musikproduzent Maurits Hilberts konnte durch Corona seinen bisherigen Beruf nicht weiter ausüben und kam schließlich auf die Idee, ein eigenes Nachhilfeangebot zu starten. Zunächst heuerte er bei der Schülerhilfe an. Hilberts störten dort jedoch viele Abläufe und Konzepte. „Die Angebote waren überhaupt nicht kundenfreundlich entworfen. In anderen Instituten sah ich meistens das Gleiche“, sagt Hilberts. Er habe sich durch sein Studium bereits intensiv mit Existenzgründung befasst. Nach seinen Erfahrungen bei verschiedenen Anbietern war der Schritt hin zu einem „modernen und kundenfreundlichen“ Nachhilfe-Geschäftsmodell als Bachelorthesis nicht mehr weit.

Seit 2025 am ZOB in Offenburg

Zunächst richtete er Anfang 2024 eine kleine Nachhilfeecke hinter seinem Tonstudio in Neuried-Altenheim ein. Hilberts: „Mich hat das allerdings gestört, ich wollte eine offen gelebte Lernkultur und nicht einfach nur ‚die Nachhilfe im Hinterzimmer‘.“ Nach einer Zwischenstation im ehemaligen Technologiepark in Offenburg-Waltersweier mit ersten Kunden Anfang 2025 bezog er schließlich nach seiner Umfirmierung zu „Lückenfller“ im September 2025 Räume in der Nähe des ZOB Offenburg, direkt über der Commerzbank-Filiale. Das Gebäude in Waltersweier sollte abgerissen werden.

Vertrauen der Kunden gewinnen

Seither gehöre es zu seinen Aufgaben, das Vertrauen der Kunden in den Nachhilfesektor zurückzugewinnen, das durch „Kapitalisierung“ gelitten habe. Es sei ein verbrannter Markt. „Aber wir geben nicht auf und sind der Überzeugung, dass die Kooperationen mit Schulen dabei massiv helfen werden“, formuliert Hilberts seine Zukunftsprognose.

Maurits Hilberts Unterricht

Lückenfller-Chef Maurits Hilberts im Co-Learning-Center. Foto: Lückenfüller

Erste Partnerschule

Eine erste Zusammenarbeit gebe es bereits mit der Hebelschule Kehl. Diese sei durch Hilberts’ Bewerbungstrainings im Auftrag der IHK Südlicher Oberrhein entstanden. Hilberts: „Der Rektor kam auf mich zu und wünschte sich ein Angebot, das er seinen Schülern direkt in der Schule zu einem vernünftigen Preis anbieten kann. Uns war zwar beiden bewusst, dass das Startchancen-Programm des Landes Baden-Württemberg die Finanzierung jeglicher Angebote decken könnte, aber zu den Bearbeitungszeiten kann ich nur sagen, dass wir seit über einem Jahr ohne Fortschritt im Zertifizierungsverfahren als Kooperationspartner stecken.“

Eigenständig an Schwächen arbeiten

Daraufhin habe er das Co-Learning Center angeboten – eine völlig offene Lernkultur. Schüler:innen würden eigenständig an ihren Schwächen und Problemen arbeiten, während die Lehrkräfte stets unterstützend zur Seite stehen. Das pädagogische Konzept verfolge nicht das Ziel, schnellstmöglich mit „möchtegerndidaktischen“ Tipps zum Ergebnis zu kommen, sondern den Schüler:innen den Raum zu geben, ihre eigene Lösung in ihrem eigenen Tempo zu finden und zu trainieren. Mit der Hebelschule soll nun ein Co-Learning Center für 90 Minuten einmal pro Woche umgesetzt werden. Die Kosten von 20 Euro pro Schüler und Monat tragen die Eltern selbst.

Potenziale im Dreieck Kehl, Lahr und Gengenbach

Pläne zur Erweiterung seines Kundenstamms hat er bereits vor Augen: „Mit unserem Sitz in Offenburg würden wir uns selbstverständlich wünschen, auch mit Offenburger Realschulen und Gymnasien intensiver zusammenzuarbeiten. Grundsätzlich erkennen wir Potenziale im gesamten Dreieck von Kehl, Lahr und Gengenbach und freuen uns über jeden Mehrwert, den wir bieten können.“

E-Learning

Lückenfller setzt auf Co-Learning statt E-Learning. Foto: zapCulture/pixabay

Mangelnde Resilienz im Bildungssystem

Maurits Hilberts sieht die Ursachen für die grassierende Lernschwäche in europäischen Ländern und speziell in Deutschland nicht allein in Corona. „Dass Corona zu den Faktoren für die Steigerung von Lerndefiziten gehört, ist vielmehr auf die Vulnerabilität des kaputtgesparten Bildungssystems zurückzuführen und daher keine Überraschung“, ordnet er ein. Das Bildungssystem mit seiner mangelnden Resilienz sei anfällig für Krisen wie Corona.

Auch Azubis und Umschüler

Bei „Lückenfller“ werden Schüler:innen aus allen Schularten von Klasse 5 bis 13 sowie Auszubildende und Umschüler aufgenommen. Grundschüler:innen hingegen nicht, da dort die Erwartungen an Nachhilfe völlig andere seien. Auch Studierende seien jederzeit willkommen. Hilberts hat ein Team von sechs Personen aufgebaut, von denen die meisten noch im Studium sind. Einige Nachhilfelehrer seien zertifiziert. An dieser Stelle werde nachgebessert: „Für nicht zertifizierte Nachhilfelehrer arbeiten wir noch an einem Ausbildungskonzept.“

„Transparent, modular und günstig“

Das Lernangebot mit Co-Learning sei ein neu gedachtes Konzept. Es sei transparent, modular und günstig. Online-Nachhilfe oder E-Learning sei nicht vorgesehen. Kund:innen können das Konzept einen Monat lang für 20 Euro kennenlernen. „Die Idee ist es, weitere Angebote wie Einzelnachhilfe, Förderunterricht oder Kompaktkurse nur nach Bedarf zu buchen – am besten mit dem Nachhilfelehrer, der die Schüler:innen im Co-Learning Center bereits unterstützen konnte“, erklärt Hilberts.

Übersicht über Termine und Budget

„Das Konzept soll über unsere Terminbuchungs-App, die im Februar live geht, unterstützt werden, sodass der Kunde jederzeit Übersicht über seine Termine und sein Budget hat.“ Bezüglich der Kosten für das Co-Learning Center befinde sich „Lückenfller“ derzeit kurz vor der StartGeld080-Finanzierung. Im Sinne einer breiten Verbesserung bleibt zu hoffen, dass der Offenburger mit seinem Konzept erfolgreich bleibt. Neue Ideen sind angesichts der Situation im deutschen Bildungswesen sicher wünschenswert.

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