„Ich glaube das Haus könnte viel erzählen – von den Apothekenteams, die hier gearbeitet haben oder den Apothekern, die im Haus gelebt haben“, sagt Caroline Bohnert, die heutige Inhaberin der Alten Apotheke in Kappelrodeck, mit Rückblick auf die bereits 125-jährige Geschichte des Hauses.
Gebäude beschlagnahmt
Am 19. Februar 1901 konnte die Apotheke nach vielen Jahrzehnten der Bemühungen seitens der Gemeinde endlich eröffnet werden. Nach der Besetzung durch die Franzosen wurde das Gebäude 1945 beschlagnahmt und die gesamte Apotheke sollte nach Achern überführt werden, um dort eine betriebsfähige Vollapotheke nach dem Krieg zu erstellen. Die Apotheke in Kappelrodeck konnte aber doch weitergeführt werden, zunächst durch Eleonore Dörle, darauf folgte bald Walther Baier, der sie als „Marien-Apotheke“ führte. 1949 übernahm Carl Beutel für 30 Jahre.
Inneneinrichtung erneuert
Unter Voreigentümer Djalal Farrokh wurde das Gebäude umgebaut und die Inneneinrichtung erneuert, außerdem firmierte er ab 1998 unter „Alte Apotheke Kappelrodeck“. Mit Caroline Bohnert und ihrem Team hielt dann neueste Technik Einzug: Unter anderem mit einem Kommissionierautomat, einem Lastenaufzug und dem modernisierten Bestellprozess mit übersichtlichem Warenlager. „Vorne haben wir aber immer noch ein paar schöne, alte Apothekenschränke stehen“, sagt sie.

Die Alte Apotheke Kappelrodeck hat alte Schätze im Lager. Foto: Nicole Zscherneck
„Quasi ein Gesundheitszentrum“
Das Dachgeschoss wurde außerdem komplett entkernt. „Mein großer Traum ist es, dort einen Seminarraum einzurichten. Ich sehe es als Chance, dass man sich als Apotheke positioniert und ein Alleinstellungsmerkmal hat. Man könnte den Raum auch für sonstige Kurse anbieten, quasi als Gesundheitszentrum“, träumt die Inhaberin, die selbst schon seit zehn Jahren in der „Kappler“ Apotheke arbeitet und sie als „ein Stück Geschichte des Tals bezeichnet.“
Fieber und weitere Symptome
Doch das Apothekensterben ist allgegenwärtig. Waren es 2010 bundesweit noch über 21.000, sind es aktuell nur noch knapp 17.000. „Das merken wir auch, besonders im Notdienst ist sehr viel los. Ganz einfach: Weniger Apotheken, weniger Notdienstapotheken. An Sonntagen ist hier immer viel los, da rennt man hin und her. Aber es gibt auch schöne Geschichten.“ So sei im vergangenen Jahr jemand in den Notdienst gekommen, der sich nicht sicher war, was zu tun ist wegen seines hohen Fiebers und weiterer Symptome. „Ich habe im Nachhinein gesagt bekommen, ich hätte dem Mann das Leben gerettet, weil ich ihn ins Krankenhaus geschickt habe. Es war letztlich eine Blutvergiftung. Wenn du dann weißt, du hast geholfen, dann lohnt es sich jedes Mal nachts aufzustehen.“
Konkurrenz der Online-Apotheken
Auch Caroline Bohnert hat Zukunftssorgen – gerade mit Blick auf die Konkurrenz zu den Online-Apotheken, geht es aber positiv und aktiv an. „Wir haben eine eigene App, die Alte Apotheke Kappelrodeck, und einen Onlineshop sowie wochentags einen Botendienst. Das haben inzwischen viele Apotheken, nur wird es nicht so gut kommuniziert. Durch Instagram (Profil Alte Apotheke) versuche ich das auch publik zu machen.“ Jedes Leben und jedes Geschäft habe einen Wandel, man müsse diesen nur mitgehen. Sonst werde es in der heutigen Zeit schwer.

Der Keller der Alten Apotheke Kappelrodeck birgt so manche Überraschung. Fotos: Nicole Zscherneck
Bürokratische Monster
„Wir werden viermal am Tag beliefert, sodass wir die Kunden sehr schnell bedienen können. Und: Hier bekommt man noch eine Beratung und ein freundliches Lächeln, das gibt es online nicht.“ Bürokratische Monster machen den Apotheken das Leben nicht leichter. Sei es die Verwaltungsarbeit, die unterschiedlichsten Hilfsmittelverträge der Krankenkassen oder die schlechten Rahmenbedingungen seitens der Politik. Die würde Versprechen nicht halten, wie unter anderem „das Fixum, also das, was wir pro Arzneimittel an Geld bekommen – da wurde versprochen, dass es erhöht wird, aber immer noch ist nichts passiert. Es sei halt gerade kein Geld da.“ Dieses Jahr soll es wohl kommen.
Dem Personalmangel entgegenwirken
Das Vertrauen in die Politik schwindet. „Es ist ein Hamsterrad, wir versuchen mitzukämpfen. Gutes Personal soll und will gut bezahlt werden, so kann man dem Personalmangel entgegenwirken. Das Ganze funktioniert nur, wenn die Politik die Rahmenbedingungen schafft. Unsere Kosten sind um 65 Prozent gestiegen, die Inflation liegt bei uns bei 30 Prozent, aber wir haben noch nicht mehr Geld bekommen.“
Begeistert vom Standort
Trotz der vielen Steine, die den Apotheken in den Weg gelegt werden, ist Caroline Bohnert sichtlich begeistert von ihrer Arbeit und dem Standort. „Ich bin stolze Achertälerin und mit den Gemeinden im Tal eng verbunden. Wir haben so viele treue Stammkunden und wollen für diese ein verlässlicher Ansprechpartner sein.“
Tombola zum Jubiläum
Zum Jubiläum findet am 19. Februar eine Tombola statt, das Schaufenster wird mit alten Apotheker-Raritäten dekoriert. Einen Jubiläumsrabatt gibt es schon, als Dank an die Stammkunden. Und das Wichtigste: „Ohne das tolle Team, wäre die Apotheke nicht das, was sie ist.“
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