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Eine Weltreise (3): Ein Jahr Auszeit, tausende Kilometer – So radelte und reiste Christian Huber um die Welt

Reisebericht Christian Huber
© Christian Huber – Die Indienreise führte Christian Huber zum Mumbai Palast der Winde in Jaipur. 
Was passiert, wenn man den Alltag für ein Jahr hinter sich lässt und einfach losfährt? Christian Huber aus der Ortenau hat genau das getan: Mit dem Fahrrad startete er vor seiner Haustür Richtung Athen, später ging es mit dem Rucksack quer durch Asien und Ozeanien. Zwischen Bikepacking, spontanen Entscheidungen und akribischer Vorbereitung erzählt seine Geschichte von Freiheit, Ausdauer und dem Mut, Prioritäten neu zu setzen – und davon, wie weit einen ein klarer Traum tragen kann.
Von Christian Huber (Text und Fotos)

New-Delhi Anfang Dezember 2024. Ich sitze auf der Dachterrasse meiner Unterkunft; morgen verlasse ich Indien Richtung Nepal. Mit Blick auf die Gassen der Millionenstadt lasse ich die zweimonatige Reise durch Indien Revue passieren. Ich habe mittlerweile gelernt, wie Indien funktioniert. Ich fühle mich wohl hier und kann Neuankömmlingen beim zurecht finden helfen, führe sie zur einzigen Bar weit und breit und unterwegs winkt mir mein Friseur zu.

Absoluter Indien-Anfänger

Das war nicht von Anfang an so entspannt. Als ich vor zwei Monaten um 2:00 Uhr morgens die Ankunftshalle des Flughafens Mumbai verließ, war ich ein absoluter Indien-Anfänger. Ich war der naiven Meinung, in einem km Entfernung zum gebuchten Hotel zu kommen, das müsse wohl einfach sein. So weich die Landung des Lufthansa-Airbus war, so hart war die indische Realität: Auf der Suche nach Orientierung stolperte ich über Menschen, die auf dem Fußboden schliefen, und ohne es wirklich zu wollen, vertraute ich mich einem windigen Taxi-Agenten an. Der schnell herbei telefonierte ältere Kleinwagen sah ebenso wenig vertrauenswürdig aus wie die dunkle Ecke, an der ich schließlich abgesetzt wurde.

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Die Route durch Indien (l.), das Gateway of India (m.).

Kleinbetrug beim Taxipreis

Auch das in die Jahre gekommene Hotel hatte kaum Ähnlichkeit mit dem Foto auf der Buchungsseite. Zum Glück passierte dabei nicht mehr als ein (überschaubarer) finanzieller Verlust durch Kleinbetrug bei Taxipreis und Wechselgeld: mein Gepäck war vollständig und ich selbst wohlauf. Als ich im Zimmer war, fand ich die warme Bierdose in meinem Rucksack und stieß mit mir selbst auf die Ankunft in diesem so anderen Land an. Indien war das aufregendste Land meiner kompletten Reise!

Von der Metropole Mumbai in den Wüstenstaat Rajasthan

Die Tage im riesigen, lauten und exotischen Mumbai gingen mit Sightseeing und Besorgungen für die Reise schnell vorbei. Superlative wie das größte Wohnhaus oder die größte Freiluftwäscherei der Welt und Monumente wie das Gateway of India beeindruckten mich ebenso wie Gandhis Wohnhaus oder das bunte religiöse Fest Dussehra auf den Straßen.

Fünf Wochen auf Schienen

Von Mumbai an der Westküste reiste ich für fünf Wochen auf Schienen und Straßen durch den Nordwesen Indiens. Erstes Ziel war der Wüstenstaat Rajasthan mit den Königsstädten Udaipur, Jaipur, Jodhpur, Jaisalmer und Bikaner. Rajasthan ist für seine Paläste und Festungen aus der Zeit der Maharadschas bekannt, aber besonders faszinierte mich das quirlige Leben auf den Straßen und Märkten. Ein Kamelritt durfte ebenso wenig fehlen wie Tiger- und Leoparden Safaris.

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Blick auf Jaisalmer (l.), Tiger im Ranthambore Nationalpark und irgendwo in Rajasthan (r.).

New-Delhi und Agra: die Hauptstadt und das weltberühmte Taj Mahal

Das wuselige Old-Delhi mit den Straßenmärkten, Tempeln und Moscheen steht im Kontrast zum „ruhigen“ New-Delhi mit Regierungsviertel und den letzten Wohnhäusern von Mahatma Gandhi und Indira Gandhi. Beide Häuser sind zu Museen ausgebaut und die jeweils letzten Schritte vor ihrer Ermordung durch politische Gegner sind markiert und Glas-überdacht; Geschichte hautnah, aber etwas makaber. Ganz in der Nähe ist Agra, wo das Taj Mahal wartet. Es ist das wohl berühmteste Wahrzeichen Indiens und bei Sonnenauf- und untergang besonders mystisch. Ein einmaliges Erlebnis war das mehrtägige Lichterfest Diwali: fröhliche Menschen auf den Straßen, alle Häuser glänzten und Feuerwerk die ganze Nacht. Es erinnerte an unser Weihnachten mit einem Hauch Silvester.

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Blick auf das Taj Mahal (l.), Jama Masjid, New-Delhi (m.) und Mahatma Gandhis letztes Wohnhaus (r.).

Himalaya-Gebirge: beeindruckende Natur

Nächstes Ziel war der Bundesstaat Himachal Pradesh im Himalaya-Gebirge. Die Hauptstad Shimla erreichte ich mit der Kalka-Shimla-Schmalspurbahn, ein UNESCO Weltkulturerbe. Die Strecke windet sich über hunderte Tunnel und Brücken den Berg hinauf. Noch höher hinauf ging es in den Wintersport-Ort Manali, wo Bergwanderungen und die Fahrt zu einem der höchsten mit dem Auto befahrbaren Pässe (Baralalacha, 4.890m) auf dem Programm standen. Mein letzter Stopp in den Bergen war Mc Leod Ganj, bekannt durch den Wohnsitz des Dalai Lama. Der Stuhl des Lehrmeisters war leer, aber den Tempel konnte ich besichtigen und den Mönchen beim Gebet zuhören.

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Der Stuhl des Dalai Lama (l.), Mc. Leod Ganj Triund, nahe Dharmasala (m.) und die Straße zum Baralalacha-Pass (r.).

Amritsar: Spirituelles Zentrum der Sikhs und sehr geschichtsträchtig

Mein letztes Ziel in Nordwest-Indien war Amritsar, berühmt für den goldenen Tempel, das spirituelle Herz der Sikh-Religion. Die heilige Stätte im Morgennebel in der Mitte eines künstlichen Sees zu sehen und sie dann inmitten tausender Pilger zu besuchen bleibt für immer in Erinnerung. In Amritsar lernte ich viel über die blutigen Folgen der indischen Teilung bei der Unabhängigkeit 1947. Und nur eine kurze Busfahrt entfernt liegt der einzige Grenzübergang zu Pakistan. An der Wagah-Grenze wird allabendlich von Soldaten in einer spektakulären Flaggenzeremonie das Grenz-Tor geschlossen. Die riesigen Zuschauertribünen, Videoleinwände, das Popcorn und die Sprechchöre erinnerten mich an ein Fußballspiel.

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Der Goldene Tempel Amritsar (l.), Allabendliche Grenz-Zeremonie (m.) und ein typisches Fortbewegungsmittel (r.).

Bangalore: Treffen mit den indischen Arbeitskollegen

Per Flugzeug ging es für drei Wochen in den Süden. Zuerst nach Bangalore, das „Silicon-Valley“ Indiens. Ich traf dort meine indischen Kollegen zum ersten Mal persönlich – ich kannte sie bisher nur von Videokonferenzen. Der Tag mit ihnen im Büro, das Abendessen mit der Familie des Kollegen und der gemeinsame Ausflug nach Mysore waren meine ganz persönlichen Reise-Höhepunkte. Essen mit den Händen, Raucher- und Pinkel-Pause mitten auf der Autobahn und das Abschiedsbier in einer versteckt gelegenen Hütte mit Alkohol-Lizenz: ich fühlte mich fast als Einheimischer.

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Der Mysore-Palast (l.), Kricket ist Nationalsport (r.).

Der Süden: Koloniales Flair, Spirituelles und Badefreuden

Mein südlichstes Ziel war der Bundesstaat Kerala. Fort Kochi beeindruckt mit historischem Hafen, Kirchen und kolonialem Flair. Beim Tempelfest Vrishikolsvam mit nächtlichen, farbenfrohen Elefantenprozessionen inmitten der feiernden Menschen erlebte ich die Spiritualität Keralas in einzigartiger Gänsehautatmosphäre. Die Stadt Alappuzha liegt weiter südlich am Meer; ich lernte später, dass mein Sprung ins Wasser nicht ungefährlich war. Die Stadt ist das Tor zu den Backwaters, einem Netz aus Kanälen, Seen und Lagunen. Die Fahrt mit Einheimischen im kleinen Boot zu ihrem Wohnhaus machte mir ebenso viel Spaß wie die zwei Tage auf dem luxuriösen Hausboot.

Touristen und einheimische Fischer

Die letzten Tage verbrachte ich in Goa und genoss die entspannte Atmosphäre am Palolem-Beach inmitten sonnenhungriger Touristen und einheimischer Fischer. Tagsüber stand relaxen, reflektieren und planen der nächsten Reiseziele auf dem Programm; abends gab es frischen Fisch. Nach einem kurzen Zwischenstopp in New-Delhi hieß es nach zwei Monaten „Namaste“ – auf Wiedersehen Indien!

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Tempelfest (l.), Backwaters bei Alapputzha (m.) und Fischer in Goa (r.).

Indien ist Einzigartig, aber auch eine Herausforderung für Reisende

Indien bietet einzigartige Eindrücke und ich werde wiederkommen. Ich lernte viele Einheimische kennen, denn mangels ausländischer Touristen ergaben sich die Kontakte zwangsläufig: Selfies mit mir waren begehrt und ich wurde zu allerlei Themen aus Deutschland ausgefragt, vor allem zum Thema Ehe und Familie.

Ja, Indien stellte mich auch vor Herausforderungen. Spötter meinen, die Buchstaben INDIA bedeuten „I’ll Never do It again“. Ich traf Traveller, die ihre Reise nach drei Tagen abbrachen. Selbst Einheimische reisen oft mit Guide. Hygienestandards, Menschenmassen, Kleinbetrug, Straßen voller Kühe und Verkehr ohne erkennbare Regeln sind die bekanntesten Probleme. Ja, es wird wirklich ÜBERALL überholt und fehlende Sicht wird durch hupen kompensiert.

Zugreisen als Wissenschaft

Bahnreisen ist deutlich komplizierter als bei uns: die vielen Ticket-Klassen, ausgebuchte Züge, riesige Bahnhöfe, unklare Durchsagen und Verspätungen machen das Reisen zur Wissenschaft. Den Zug zu verpassen bedeutet: tagelange Wartezeit. Auch vorgebuchte Hotels werden zum Glücksspiel: unauffindbar, ausgebucht, finstere Gegend oder der Taxifahrer bringt Dich einfach woanders hin.

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Kühe gehören zum Stadtbild (l.), Hochzeits-Bekanntgabe an Fassade (m.) und Reisen auf indisch (r.).

Mit viel Geduld, gesunder Vorsicht, dem nötigen Glück und immer mindestens „Plan B“ im Kopf ist Indien ein Riesen-Erlebnis und auch für Individualreisende machbar.

Wie ging es weiter mit der Weltreise von Christian Huber? Teil 4 am Dienstag im Ortenau Journal!

Siehe auch hier:

Eine Weltreise (1): Ein Jahr Auszeit, tausende Kilometer – So radelte und reiste Christian Huber um die Welt

Eine Weltreise (2): Ein Jahr Auszeit, tausende Kilometer – So radelte und reiste Christian Huber um die Welt

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