Die einen schreien „Krise“, sehen Racing buchstäblich am Ende seiner Tage angekommen. Die anderen bewundern die Ruhe, die Klarheit und Führungsstärke von Racing-Präsident Marc Keller in schwierigen Zeiten.
Rückkehr ins Oberhaus 2017
Was ist passiert? Im Jahr 2012 hatten Marc Keller und ein paar ihm Nahestehenden den per Verbandsurteil in die 5.-klassige National 3 (Oberliga) zwangsabgestiegen elsässischen Traditionsverein übernommen. Keller als Hauptaktionär, seine Freunde und die öffentliche Hand als wichtige Unterstützer. Jahr für Jahr folgte ein Erfolg dem anderen. Schon im Mai 2017 war die Rückkehr ins französische Fußballoberhaus perfekt. Auch dort erzielte Racing auf Anhieb mit dem Gewinn des Ligapokals 2019 einen vielbeachteten Erfolg.
Mit einem Bein am Abgrund
Denkwürdig bleibt jedoch eine Szene die Keller und seinen Mitstreitern wohl zu denken gab. Am 12. Mai 2018, dem vorletzten Spieltag der Saison 2017-2018 stand Racing Straßburg mit einem Bein am Abgrund. Eine Niederlage im letzten Saisonheimspiel gegen Lyon, und eine mögliche Niederlage im letzten Auswärtsspiel in Nantes, würden den Rückfall in die Zweitklassigkeit bedeuten. Die Erfolgskurve wäre an ihrem Scheitelpunkt angekommen. Racing hatte Glück. Dimitri Lienard zirkelte in der 94. Minute einen Freistoß unhaltbar ins Tor von Olympique Lyon und Racing gewann 3:2. Die neuen Bar im sanierten Meinau-Stadion trägt den Namen Bar`94.

Marc Keller hat Racing nach Europa geführt. Foto: Philipp Cleiß
Wahrung der regionalen Identität
Kellers Traum ging anders. „Ich habe immer gesagt, dass wir Racing zurück in die Europacup-Ränge führen müssen“ betont der Elsässer und führt weiter aus „Ich sage, was ich machen werde, und ich mache was ich gesagt habe“. Auf Dauer unter den 5 Topteams der Liga, regelmäßige Qualifikation fürs internationale Geschäft unter Wahrung der regionalen Identität – die Ziele von Keller führten direkt in einen Ziel-Konflikt. Weder er und seine Freunde selbst noch andere Persönlichkeiten oder Unternehmen des Elsass waren in der Lage die für diese Zielsetzung notwendigen Mittel aufzubringen.
Blick auf die 5 Top-Ligen
Längst bestimmen Multinationale Konzerne und Investoren, wer im Fußballgeschäft in die Spitzengruppe kommt. Ein Blick auf die fünf großen Ligen Europas offenbart, dass nur die Top-Verdiener mit den ganz großen Budges auch Top-Platzierungen einnehmen können. Bayern München (Adidas, Telekom, Allianz, Audi, Qatar Airways, Emirates), Paris SG (Qatar Airways, Visit Qatar, GOAT, Bitpanda), FC Liverpool (Standard Chartered, Adidas, UPS, Google Pixel), AC Mailand (Emirates, Puma, MSC) oder Real Madrid (Adidas, Emirates, HP, BMW, Louis Vuitton, Nestlé) hängen am Tropf finanzmächtiger Geldgeber. Die jüngste Entwicklung sieht immer häufiger die direkte Einbindung eines Inverstors vor – zunehmend als (Mehrheits-)Besitzer des Vereins. Ciceros „Pegunia nervus belli“ (Geld ist der Lebensnerv des Krieges) gilt noch immer – auch im Fußball. Und dies sogar in den unteren Amateurklassen wie jeder Vereinsvorstand weiß.

Die Spiele von Racing im Jahr 2025 waren voller Klasse und Spannung. Fotos: Philipp Cleiß
Nur eine Fahrstuhlmannschaft?
Als Marc Keller und seine Mitstreiter zur Überzeugung kamen, dass ihre Mittel allenfalls für einen Fahrstuhlmannschaft reichen, die mal in der ersten Liga gegen den Abstieg spielt, mal in der 2. Liga ihr Aufstiegs-Glück suchen darf, trafen sie eine Entscheidung: sie verkauften ihre Racing-Anteile an einen Groß-Inverstor der das Potential hat den Club auf Dauer unter den Top-5 Frankreichs zu halten.
Übernahme durch BlueCo
BlueCo, ein US-Amerikanisches Inverstoren-Konsortium um die Milliardäre Todd Boehly und Behdad Eghbali , Besitzer und Förderer auch von Chelsea London (Fussball), Los Angeles Dodgers (Baseball) und Los Angeles Lakers (Basketball), übernahmen im Jahr 2023 100 Prozent der Racing-Anteile . Marc Keller blieb weiter Präsident – sieht sich aber seither der Verdächtigung ausgesetzt, nur noch über eine eingeschränkte Entscheidungsmacht zu verfügen.
Der kleine Bruder
Keller wurde seither nicht müde darauf hinzuweisen, dass Racing und Chelsea eher so etwas wie „großer und kleiner Bruder“ sind sie beide in gleicher Weise ihr Glück suchen dürfen, unterstützt von BlueCO, den solventen „Eltern“, die das Glück all ihrer „Kinder“ wünschen. Aber ein Teil der Racing-Fans misstraut der Botschaft. Für sie ist Racing nur noch das bloße Ausbildungszentrum das zum Wohle von Chelsea ausgenutzt wird.

Die Fanproteste gegen den Investor BlueCo halten an. Foto: Geraldine Zimpfer
Hohe Investitionen
Die Entwicklung von Racing seit Übernahme von BlueCo gibt den Ultras nicht recht. Mit hohen Investitionen in die Mannschaft und die Vereinsstruktur hat BlueCo einen kaum bestreitbaren Anteil an der Racing-Erfolgsgeschichte seit 2023. Mit der jüngsten Mannschaft des europäischen Fußballs (Durchschnittsalter unter 21 Jahren) stürmte Racing in der Conference League an die Tabellenspitze. Nach Abschluss der Hinrunde steht Racing in der Ligue 1 auf dem 7. Tabellenplatz und hat sich im „Coupe de France“ für das 16.-Finale Qualifiziert.
Stadion voll ausgelastet
Das parallel zu den Spielen in Rekordtempo sanierte und in großen Teilen komplett neu gebaute Meinau-Stadion ist seit 68 Meisterschafts-Spielen immer ausverkauft. Und die Kompetenz, Freundlichkeit und Zuvorkommenheit des Personals schlägt jeden in Bann der ein Heimspiel auf der Meinau besucht und sich an elässischem Flammkuchen und Bier erfreut.
Wechsel von Rosenior zu O`Neil
Als nun mitten in der Saison Liam Rosenior, bisheriger Trainer von Racing, zu Chelsea London wechselte, sahen sich die Kritiker bestätigt. Sie sehen in dem Wechsel BlueCo am Werk und unterstellen, dass BlueCo dem „großen Bruder“ Chelsea Gutes tun wollten und dabei eine Schwächung des „kleinen Bruders“ Racing in Kauf nahm. Der „kleine Bruder“ ist in ihren Augen eher ein ungeliebtes uneheliches Kind und Marc Keller nur noch eine Marionette in der Hand von BlueCO die auf Zwang dem Wechsel von Rosenior zugestimmt habe.

Der alte (Liam Roseniol, links) und der neue Trainer Gary O`Neil. Fotos: Philipp Cleiß
„Reisende soll man nicht aufhalten“
Marc Keller widerspricht dieser Darstellung vehement. „Als Liam (Rosenior) zu mir kam und ich spürte, dass er ein Gesprächs-Angebot vom FC Chelsea gerne wahrnehmen möchte, war mir klar, dass ich die Tür für ihn öffnen muss“. Gemäß dem Motto „Reisende soll man nicht aufhalten“ gab Keller Rosenior grünes Licht für Gespräche mit Chelsea, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt weder einen Wechsel wünschte noch habe kommen sehen. „Als Präsident ist es meine Aufgabe, egal in welcher Situation ruhig zu bleiben und die beste mögliche Lösung für den Verein zu finden“.
Nachfolger rasch gefunden
Gesagt, getan. Nur einen Tag nach dem Abgang von Liam Rosenior stellte Marc Keller dessen Nachfolger vor. Gary O`Neil beeindruckte die Anwesenden durch seine fußballerische Kompetenz, seine sympathische Ausstrahlung und seiner spürbare Energie. Manch einer bewundert, wie Marc Keller einmal mehr in einer schwierigen Situation die Ruhe bewahrt und eine Lösung findet, die zeigt, warum die Jahre seit seiner Ankunft bei Racing so erfolgreich verlaufen sind. Mit Keller, so die Überzeugung seiner Bewunderer, muss man in Straßburg nicht alle Hoffnungen auf einen Dimitri-Lienard-Freistoß in der 94. Minute des letzten Saisonheimspiels legen um dem Abstieg zu entgehen.
Siehe auch hier:
Identität oder Profit?: Warum Racing Straßburg trotz aktuellem sportlichem Höhenflug gespalten ist
Voici la version française de l’article de Peter Cleiß:
De Rosenior à Gary O’Neil : le changement d’entraîneur ravive le débat identitaire au Racing Strasbourg
Entre essor sportif et scepticisme de fond, le Racing Strasbourg apparaît aujourd’hui profondément divisé. Tandis que certains voient dans l’arrivée de l’investisseur BlueCo une perte d’identité et d’indépendance, d’autres mettent en avant les succès sportifs, les tribunes pleines et une direction stable. Le président Marc Keller se trouve au cœur de cette controverse : architecte du renouveau, garant de la continuité, et figure prise entre ancrage régional et football mondialisé.
Certains crient à la « crise » et voient littéralement le Racing arriver au bout de ses jours. D’autres admirent le calme, la lucidité et les qualités de leader dont fait preuve le président du Racing Strasbourg, Marc Keller, en ces temps difficiles.
Retour en Ligue 1 en 2017
Que s’est-il passé ? En 2012, Marc Keller et quelques proches ont repris le club alsacien traditionnel, relégué de force en National 3 (Oberliga), la 5e division, par décision de la fédération. Keller en tant qu’actionnaire principal, ses amis et les pouvoirs publics en tant que soutiens importants. Année après année, les succès se sont enchaînés. Dès mai 2017, le retour dans l’élite du football français était parfait. Là aussi, le Racing a immédiatement remporté un succès très remarqué en remportant la Coupe de la Ligue 2019.
Un pied au bord du gouffre
Une scène qui a donné à réfléchir à Keller et à ses compagnons de lutte reste toutefois mémorable. Le 12 mai 2018, avant-dernière journée de la saison 2017-2018, le Racing avait un pied dans le précipice. Une défaite lors du dernier match à domicile de la saison contre Lyon et une éventuelle défaite lors du dernier match à l’extérieur à Nantes signifieraient un retour en deuxième division. La courbe du succès aurait atteint son apogée. Le Racing a eu de la chance. À la 94e minute, Dimitri Lienard a marqué un coup franc imparable dans les cages de l’Olympique lyonnais et le Racing a gagné 3-2. Le nouveau bar du stade Meinau rénové porte le nom de Bar ’94.

Marc Keller a mené le Racing jusqu’en Europe. Photo : Philipp Cleiß
Préservation de l’identité régionale
Le rêve de Keller était différent. « J’ai toujours dit que nous devions ramener le Racing dans les rangs de la Coupe d’Europe », souligne l’Alsacien, avant d’ajouter : « Je dis ce que je vais faire, et je fais ce que j’ai dit ». Se maintenir parmi les cinq meilleures équipes du championnat, se qualifier régulièrement pour les compétitions internationales tout en préservant l’identité régionale : les objectifs de Keller ont directement conduit à un conflit d’intérêts. Ni lui et ses amis, ni d’autres personnalités ou entreprises alsaciennes n’étaient en mesure de réunir les moyens nécessaires pour atteindre ces objectifs.
Regard sur les 5 grands championnats
Depuis longtemps, ce sont les multinationales et les investisseurs qui déterminent qui fait partie du peloton de tête dans le monde du football. Un coup d’œil aux cinq grandes ligues européennes révèle que seuls les clubs les plus riches, disposant de budgets colossaux, peuvent occuper les premières places. Bayern Munich (Adidas, Telekom, Allianz, Audi, Qatar Airways, Emirates), Paris SG (Qatar Airways, Visit Qatar, GOAT, Bitpanda), FC Liverpool (Standard Chartered, Adidas, UPS, Google Pixel), AC Milan (Emirates, Puma, MSC) ou Real Madrid (Adidas, Emirates, HP, BMW, Louis Vuitton, Nestlé) dépendent de bailleurs de fonds puissants. La tendance récente est à l’implication directe d’un investisseur, de plus en plus souvent en tant que propriétaire (majoritaire) du club. La citation de Cicéron « Pegunia nervus belli » (l’argent est le nerf de la guerre) est toujours d’actualité, même dans le football. Et cela vaut également pour les divisions amateurs inférieures, comme le savent tous les dirigeants de clubs.

Les matchs du Racing en 2025 ont été riches en classe et en suspense. Photos : Philipp Cleiß
Simple équipe ascenseur ?
Lorsque Marc Keller et ses collègues ont compris que leurs moyens suffisaient tout au plus pour une équipe ascenseur, tantôt menacée de relégation en première division, tantôt en quête de promotion en deuxième division, ils ont pris une décision : ils ont vendu leurs parts dans le Racing à un investisseur important qui a le potentiel de maintenir le club dans le top 5 français à long terme.
Rachat par BlueCo
BlueCo, un consortium d’investisseurs américains autour des milliardaires Todd Boehly et Behdad Eghbali, également propriétaires et sponsors du Chelsea London (football), des Los Angeles Dodgers (baseball) et des Los Angeles Lakers (basketball), a racheté 100 % des parts du Racing en 2023. Marc Keller est resté président, mais il est depuis soupçonné de ne plus disposer que d’un pouvoir décisionnel limité.
Le petit frère
Depuis, Keller n’a cessé de rappeler que le Racing et Chelsea sont plutôt comme « le grand frère et le petit frère » et qu’ils peuvent tous deux chercher leur bonheur de la même manière, soutenus par BlueCO, les « parents » solvables qui souhaitent le bonheur de tous leurs « enfants ». Mais une partie des supporters du Racing se méfie de ce message. Pour eux, le Racing n’est plus qu’un simple centre de formation exploité au profit de Chelsea.

Les protestations des supporters contre l’investisseur BlueCo se poursuivent. Photo : Geraldine Zimpfer
Investissements massifs
L’évolution du Racing depuis le rachat par BlueCo ne donne pas raison aux ultras. Grâce à des investissements importants dans l’équipe et la structure du club, BlueCo a indéniablement contribué au succès du Racing depuis 2023. Avec la plus jeune équipe du football européen (moyenne d’âge inférieure à 21 ans), le Racing s’est hissé en tête du classement de la Ligue Europa Conférence. À l’issue de la phase aller, le Racing occupe la 7e place du classement de la Ligue 1 et s’est qualifié pour les 16es de finale de la Coupe de France.
Stade à pleine capacité
Rénové en un temps record et en grande partie entièrement reconstruit parallèlement aux matchs, le stade de la Meinau affiche complet depuis 68 matchs de championnat. Et la compétence, la gentillesse et la courtoisie du personnel séduisent tous ceux qui assistent à un match à domicile à la Meinau et dégustent une tarte flambée alsacienne et une bière.
Passage de Rosenior à O’Neil
Lorsque Liam Rosenior, l’ancien entraîneur du Racing, a rejoint Chelsea Londres en plein milieu de la saison, les critiques se sont sentis confortés dans leur opinion. Ils voient dans ce transfert l’œuvre de BlueCo et supposent que BlueCo voulait faire du bien à son « grand frère » Chelsea, acceptant ainsi d’affaiblir son « petit frère » le Racing. À leurs yeux, le « petit frère » est plutôt un enfant illégitime mal-aimé et Marc Keller n’est plus qu’une marionnette entre les mains de BlueCO, qui aurait accepté le transfert de Rosenior sous la contrainte.

L’ancien entraîneur (Liam Rosenior) et le nouveau Gary O’Neil. Photos : Philipp Cleiß
« On ne retient pas les voyageurs »
Marc Keller conteste vivement cette version des faits. « Lorsque Liam (Rosenior) est venu me voir et que j’ai senti qu’il souhaitait accepter l’offre de FC Chelsea, j’ai compris que je devais lui ouvrir la porte. » Fidèle à la devise « Il ne faut pas retenir ceux qui veulent partir », Keller a donné son feu vert à Rosenior pour qu’il entame des discussions avec Chelsea, même s’il ne souhaitait pas de changement à ce moment-là et ne l’avait pas vu venir. « En tant que président, mon rôle est de rester calme quelle que soit la situation et de trouver la meilleure solution possible pour le club ».
Successeur rapidement trouvé
Aussitôt dit, aussitôt fait. Un jour seulement après le départ de Liam Rosenior, Marc Keller présentait son successeur. Gary O’Neil a impressionné l’assistance par ses compétences footballistiques, son charisme sympathique et son énergie palpable.
Beaucoup admirent la façon dont Marc Keller a une fois de plus su garder son calme dans une situation difficile et trouver une solution qui montre pourquoi les années écoulées depuis son arrivée au Racing ont été couronnées de succès. Avec Keller, ses admirateurs en sont convaincus, Strasbourg n’a pas besoin de placer tous ses espoirs dans un coup franc de Dimitri Lienard à la 94e minute du dernier match à domicile de la saison pour éviter la relégation.
Voir aussi ici (en allemand) :
Identité ou profit ? Pourquoi le Racing Strasbourg reste divisé malgré son succès sportif actuel