Exotisch, wild und absolut einzigartig: Die Musik der drei Virtuosen Dimitar Gougov (Gesang/bulgarische Gadulka), Enkhjargal Dandarvaanchig (Gesang/mongolische Pferdekopfgeige) und Fabien Guyot (Perkussion) – alias Violons Barbares – wurde am vergangenen Mittwochabend zu einer „Begegnung der dritten Art“ für das Publikum im Kehler Kulturhaus.
Undenkbare Verschmelzung
Das Programm irritierte am Anfang, faszinierte dann und machte zum guten Letzt selig-süchtig, wie eine Droge. Als Produkt einer zuvor undenkbaren Verschmelzung zwischen mongolischen Klängen, bulgarischer Folklore mit rumänischen Stilelementen und türkisch-arabischen Rhythmen sprechen die Kompositionen der Band durch ihre archaisch-schamanische Note nicht zuletzt das Unterbewusstsein der Zuhörer an. Denn die abendländische (Post-)Moderne gleicht neben den Jahrtausenden der menschlichen Kultur und Hochkultur eher einem kleinen Schritt über eine immense Zeitbrücke, welche in unseren Tiefen und in der DNA gespeichert schlummert.

Archaisch und postmodern
Die drei Ausnahmemusiker präsentierten in Premiere in Kehl uralte Rituale und Tänze, Beschwörungen gegen das Böse, Inkantationen von gewaltiger Kraft und Schönheit in neuer klanglicher „Kleidung“. Die Instrumentierung ist äußerst komplex, archaisch und postmodern zugleich, ohne den Gesang zu überwuchern. Auf Mongolisch und Bulgarisch vorgetragen, manchmal mit schwindelerregender Geschwindigkeit gerappt, erzählen die Lieder von Geistern und Monstern aus der mongolischen und bulgarischen Folklore, von magischen Heiltänzen rumänischen Ursprungs im Schmelztiegel der Kulturen, über Zigeunerhochzeiten und Liebe auf dem Balkan und von den unendlichen Weiten der Mongolei, durch die Pferde und ihre Reiter wild galoppieren.
Abseits stilistischer Schubladen
Mit ihrem letzten Album „Monsters and Fantastic Creatures“ (2023) setzen Violons Barbares ihre außergewöhnliche Erfolgsgeschichte fort. Das Trio zählt zu den markantesten Bands der internationalen World-Music-Szene und begeistert weltweit mit seiner experimentierfreudigen Musik abseits jeglicher stilistischer Schubladen. Ihre Konzerte entwickeln sich nicht selten zu ekstatischen, tanzbaren „tribal happenings“, die ein genreübergreifendes Publikum anziehen.
Gefragtes Trio
Violons Barbares gastierten bereits auf nahezu allen relevanten Weltmusikfestivals Europas und darüber hinaus und sind zunehmend auch bei Indie-Rock-, Jazz- und Pop-Festivals in vielen Ländern präsent. Ein besonderer Höhepunkt war die Einladung von André Heller zur exklusiven Eröffnung des Weltmuseums in Wien.
Ihr drittes Album „Wolf’s Cry“ steht für einen exotischen, mitreißenden Gesamtklang: Balkanische Tanzrhythmen, musikalische Themen aus der zentralasiatischen Steppe, Wüstenrhythmen und punktuelle Punk-Rock-Elemente verschmelzen zu einer geradezu wilden, energiegeladenen musikalischen Reise von der Mongolei bis ins Abendland. Die Musik ist zugleich roh und feinfühlig. Und zum Teil auch von großer emotionaler Tiefe – ein facettenreicher Klangkosmos.
Musik als Schmelztiegel kultureller Traditionen
Insgesamt entstand durch jahrhundertelangen kulturellen Austausch ein gemeinsamer balkanischer Folkloreraum, der nationale Grenzen überschreitet, dabei jedoch lokale und ethnische Eigenheiten bewahrt. Die rumänische und bulgarische Folklore sind historisch und musikalisch eng miteinander verflochten, insbesondere in den Grenzregionen Timok und Dobrudscha. Aus musikwissenschaftlicher Sicht zeigen sich diese Verbindungen vor allem in gemeinsamen Tonsystemen, asymmetrischen Metren und vergleichbaren Tanzformen. Besonders auffällig sind die ungeraden Taktarten, die vielen Tänzen ihren treibenden Charakter verleihen und sowohl in der rumänischen Hora als auch im bulgarischen Horo zu finden sind.
Die Erde kneten wie einen Teig
Violons Barbares spielte feurig auch eine Hora (Horo) und das Publikum im Kehler Kulturhaus tanzte um die Sitzreihen herum: mit kleinen Schritten – zwei nach rechts und eins nach links – als würde man die Erde mit den Füßen wie einen Teig kneten: Den Kreis des ewigen Lebens zeichnen.
Für Kenner war es auch kein Wunder, dass der Bandleader und Komponist Dimitar Gougov dann die „Krushovitsa“, eine Melodie, welche nach waschechter rumänischer Folklore klang und wie ein authentischer rumänischer Tanz auch aussah, als „bulgarische Tradition“ präsentierte. Denn Gougov stammt aus Silistra an der Grenze zu Rumänien, wo im Laufe der Geschichte eine komplexe kulturelle Durchdringung stattfand.
Facettenreiches Klanguniversum
Der Bulgare Dimitar Gougov (Instagram) ist Gründer der Violons Barbares. Neben der Gesangskunst (auch mit ganz tiefen Obertönen) beeindruckte er mit der meisterhaften Beherrschung seines Streichinstrumentes, der bulgarischen Gadulka. Sie hat eine weiche Klangfarbe mit gefühlsvollen und melancholischen Nuancen. Einerseits sein Lyrismus, andererseits „barbarische“ Klangwildheit in rasanten Tempi – wenn seine Finger unfassbar schnell auf den Saiten „galoppieren“ –, dazu Rappen wie ein Weltmeister auf Bulgarisch und Mongolisch, offenbarten einen äußerst interessanten Künstler.
Wichtiger Vertreter der mongolischen Musik
Enkhjargal Dandarvaanchig, dessen Ausdrucksspektrum von tiefem Kehlkopf- und Obertongesang bis zu feinen, melodiösen, in Sopranlage vorgetragenen Passagen reicht, gilt weltweit als einer der wichtigsten Vertreter der mongolischen Musik. Der Ausnahmemusiker kann fünf Oktaven sauber abdecken und auch im Sopran (nicht in Falsett-Gesangstechnik) kristallklar, gefühlsvoll und berauschend singen. Seine mongolische Pferdekopfgeige, Morin Khuur, lässt mit ihrer mal sanften, mal rauen Stimme die Winde tanzen, die Pferde wild galoppieren, die Seele vor Sehnsucht seufzen.
Orientalisch geprägtes Schlagwerk
Die rhythmische Basis liefert Fabien Guyot (Facebook), ein international renommierter Perkussionist. Mit seinem vielseitigen, nordafrikanisch und orientalisch geprägten Schlagwerk treibt er grandios den musikalischen Dialog an und strukturiert ihn. Zudem singt er und trägt zur Dreistimmigkeit etlicher Stücke aus der bulgarischen Folklore bei.

Tobendes Publikum
Eine sehr schöne Überraschung war in Kehl die Einladung auf die Bühne von zwei Frauen, die auf Bulgarisch zusammen mit der Band polyphon sangen. Das Publikum tobte vor Begeisterung. Nach dem Konzert stellte sich heraus, dass sie eigentlich Deutsche sind: Gabi Repper und Simona Lachmann. Sie singen in einem Frauenchor, den Gougov einmal geleitet hatte. Chapeau!
Über die Musiker
Enkhjargal Dandarvaanchig – Morin Khuur, Unter- und Obertongesang
Geboren in Ulaanbaatar, aufgewachsen in der mongolischen Taiga, studierte er am Konservatorium von Ulaanbaatar. Seit 1989 lebt er in Europa und gilt als einer der herausragendsten Vertreter mongolischer Musik. Seine Stimme umfasst über fünf Oktaven – vom tiefen Schamanengesang bis zum reinen Obertongesang.
Dimitar Gougov – Gadulka, Gesang
Der gebürtige Bulgare wurde früh in die musikalische Tradition seiner Heimat eingeführt und war Mitglied des Folklore-Ensembles von Filip Kutev. Seit 2000 lebt er in Frankreich und ist als Musiker, Komponist und Arrangeur aktiv.
Fabien Guyot – Percussion, Gesang
Ausgebildet in zeitgenössischer Perkussion, studierte er traditionelle Musik des Iran und des Maghreb. Er ist in zahlreichen renommierten Formationen aktiv und gilt als vielseitiger rhythmischer Koordinator.
Das könnte dich auch interessieren: