Kunst & Kultur

Zwischen Autobahn und Avantgarde: Ausstellung über „Le Corbusier“ in der Kunsthalle Messmer in Riegel

Kunstwerk von Le Corbusier
© Marduk Buscher – Ein Kunstwerk von Le Corbusier in der Kunsthalle Messmer..
Manchmal genügt ein braunes Hinweisschild an der Autobahn, um Kultur abseits der großen Metropolen zu entdecken. Wer an der A5 bei Riegel abfährt, stößt auf ein kleines Museum mit großer Geschichte: Die Foundation Messmer widmet sich Leben und Werk von Le Corbusier. Auf engem Raum entfaltet die Ausstellung einen kenntnisreichen Parcours durch frühe Stilphasen, visionäre Architektur, Möbelentwürfe und Widersprüche eines der einflussreichsten Gestalter der Moderne.
Von Marduk Buscher

Links und rechts der Autobahn“, so hieß seit 1963 eine Fernseh-Sendereihe des Südwestfunks, welche dem Zuschauer interessante Ausflugstipps entlang der Autobahn empfahl. Unmittelbarer wirken diese braunen Schilder auf Autofahrer, welche vor einer Ausfahrt auf Sehenswürdigkeiten hinweisen. Auch, wenn man schon 50-mal vorbeigefahren ist : irgendwann biegt man ab und begibt sich ins Abenteuer. Unbedingt empfehlenswert ist dies an der A5 auf der Höhe des Kaiserstuhls, wo in der 4.000- Seelen-Gemeinde Riegel die Foundation Messmer seit 2009 ihr Museum betreibt und der früher im selben Gebäude ansässigen Brauerei sicher bald an Bekanntheit den Rang abnehmen wird.

In der Schweiz studiert

Gegründet von dem Unternehmer Jürgen Messmer ist das Hauptanliegen der Stiftung, Leben und Werk des Schweizer Künstlers André Evard zu bewahren. Evard war Kommilitone des als „Le Corbusier“ bekannt gewordenen Vaters der Moderne, Charles-Édouard Jeanneret-Gris. Beide studierten um die vorletzte Jahrhundertwende an der Kunstgewerbeschule in La-Chaux- de-Fonds im Schweizer Kanton Neuenburg, an der Grenze zur französischen Franche-Comté. So nimmt es nicht Wunder, dass sich das kleine Museum nach 2012 bereits zum zweiten Mal des weltweit als Architekt und Möbel-Designer bekannt gewordenen Le Corbusier widmet.

Informative Zusammenstellung

Der Kuratorin Karina Klucha ist es gelungen, auf der zur Verfügung stehenden, sehr beschränkten Fläche eine sehr anschauliche und informative Zusammenstellung von Exponaten verschiedenster Provenienz zusammenzutragen. Der Besucher lernt viel über die gestalterischen Anfänge des Künstlers im vom Jugendstil und der Naturbeobachtung beeinflussten, regional verbreiteten „Tannenstil“ (Style sapin) und seine künstlerische Entwicklung von kubistischen Stilleben hin zu verspielt wirkenden Collagen und Zeichnungen in seinem Spätwerk. Technologischen Innovationen gegenüber blieb Le Corbusier dabei stets aufgeschlossen, und so nimmt eine Vielzahl von Radierungen auf Basis dicker Kunststoff-Folien einen breiten Raum der Ausstellung ein. Bereits 1905 werden erste Architekturentwürfe von ihm in La-Chaux-de-Fonds umgesetzt.

Bedürfnisse der Menschen

Fast nebenbei entwickelte Corbusier das „Domino“-System eines modularen Stahlbeton- Skelettbaus, welches mit vorgehängten Fassaden den Geburtsakt modernen Bauens markieren sollte. Heute fast vergessen ist dabei, dass sich die Bauten von Corbusier stets an den Bedürfnissen der Menschen orientierten. Sein ab 1945 entwickeltes Modulor-System hatte das Ziel, seine Bauten auf die durchschnittlichen Körperproportionen des Menschen zu beziehen.

Sein Weg zu Weltruhm

Die Ausstellung verfolgt seinen Weg zu Weltruhm, welchen er sich durch vorbildlose Gebäude überall auf der Welt erschuf. Dazu gehört auch die Wallfahrtskirche von Ronchamp, welche beweist, daß Modernität keinesfalls an den rechten Winkel gebunden ist. Weltruhm erreichten auch seine Möbelentwürfe, die er zusammen mit der französischen Designerin Charlotte Perriand realisierte.

Kollaborateur des Vichy-Regimes

Für Le Corbusiers Galeristin und Mäzenin, Heidi Weber, schuf er den erst nach seinem Tode fertiggestellten « Pavillon Le Corbusier“, in welchem sich heute das Heidi Weber Museum befindet. Die Ausstellung verschweigt bei all dem nicht, dass Le Corbusier sich im besetzten Frankreich als Kollaborateur der Vichy-Regierung andiente, um weiter bauen zu dürfen.

Französische Texte

Wohl aufgrund begrenzter Ressourcen spürt man – bei allem Lob – der Ausstellung an, dass vorhandene Ausstellungselemente integriert werden mussten. So hebt sich der Ausstellungsteil um die Wallfahrtskirche Ronchamp formal und didaktisch von der übrigen Ausstellung ab. Neben den sonst leider nur auf Deutsch vorhandenen Beschriftungen finden sich hier auch französische Texte.

Chronologische Darstellung

Dem gleichen Grunde ist sicher auch geschuldet, dass man als Besucher mit mindestens zwei miteinander konkurrierenden Ausstellungsprinzipien konfrontiert ist: eine anfänglich strikt chronologische Darstellung bricht sich mit thematischen und technischen Ordnungsprinzipien, was eine ungebrochene Rezeption stört, letztlich aber den Besucher dazu bringt, über Gegenstand und Darstellung der Ausstellung länger nachzudenken … und vielleicht auch etwas zu schreiben.

Auswertung englischsprachiger Literatur

Kritisch sei angemerkt, dass Le Corbusier an mehreren Stellen als „modernistischer“ Künstler benannt wird, was einerseits zwar möglicherweise der Auswertung englischsprachiger Literatur geschuldet ist, dabei aber vernachlässigt, dass Le Corbusier zu den Vätern der Moderne gezählt wird, und im Deutschen der attribuierenden Bezugnahme auf eine Ideologie oder Stilrichtung etwas Pejoratives oder Epigonales anhaftet.

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. März 2026 zu besichtigen. Ein Besuch lohnt sich!

Siehe auch hier:

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