Um 19.40 Uhr war es am Freitag merkwürdig still vor dem Kulturhaus Kehl und in seinem Foyer. Da auf der Kulturseite der Stadt Kehl die erwartete Veranstaltung auch nicht mehr stand, konnte man gleich entmutigt an eine kurzfristige Absage denken. Aber die Lichter brannten, die massive Glastür öffnete sich, der Aufzug funktionierte. Im zweiten Stock angelangt, offenbarte sich dem Besucher ein proppenvoller Konzertsaal. Auffällig war dabei das dominant jüngere Publikum – Wow! Selten genug in Kehl! Was war hier los?: Cossu war los – und seine seit Wochen ausverkaufte Show.
„Generalprobe für das Solo-Pogramm“
Lukas Staier – alias Cossu –, einer der vielseitigsten und aktuell einflussreichsten Comedians, Content-Creator, Rapper und Schauspieler Deutschlands, führte just hier die „Generalprobe“ – die Feuerprobe – mit seinem Solo-Programm „We Are The Germans“ durch. Basierend auf seinem gleichnamigen Erfolgsbuch ist dies das allererste Solo-Stand-up-Programm, mit dem der Künstler nun deutschlandweit auf Tour geht.
In Haslach i. K. aufgewachsen
Das 1989 in Zell am Harmersbach geborene Multitalent wuchs im Schwarzwald-Städtchen Haslach im Kinzigtal auf. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater stammte aus dem Kongo, Wurzeln in Polen hat er auch – eine biografische Facette, die Staier in vielen künstlerischen Reflexionen über Identität und Zugehörigkeit aufgreift. Staier studierte Deutsch, Sport und Geografie auf Lehramt an der Universität Heidelberg und arbeitete parallel zu seiner späteren medialen Karriere für eine Zeit lang auch als Grundschullehrer und Erzieher in Stuttgart.
Die Macht von Social Media
Sein Empfang seitens des Publikums mit minutenlangem Toben und Zujubeln in Kehl spiegelte zugleich die Macht von Social Media in unserer Kultur und ihren riesigen Einfluss auf die künstlerische Karriere wider. Denn zuvor war Cossu zwar live unterwegs, insbesondere als Opening Act für den berühmten Bülent Ceylan, doch diese Auftritte waren Teil eines Ensembles oder als Support. Sein großer Durchbruch kam dann mit seinen viralen Comedy-Clips auf TikTok und Instagram, in denen Cossu mit Sprache, Dialekten und deutschen Marotten spielt. Sein Format „In Germany we don’t say …“ erreichte Millionen Views und um die zehn Millionen Likes.

Cossu bei seiner „Generalprobe“. Foto: Simona Ciubotaru
Altbackene Konkurrenz zwischen Schwaben und Badenern
In seinen Clips und nun auch in seinem Solo-Programm auf der Bühne nimmt Cossu mit brillantem schauspielerischem und sprachlichem Können Chauvinismus, Vorurteile farbigen Menschen gegenüber, Lokalpatriotismus, die altbackene Konkurrenz zwischen Schwaben und Badenern sowie soziale Ausgrenzung aufs Korn. Cossu ist dabei aberwitzig, subtil-bissig und liebevoll zugleich. Hinter der Skurrilität mancher Gedankengänge und in der Situationskomik versteckt sich Tiefgang. Er sprach und sang in Kehl auf Badisch, beherrscht aber wunderbar auch andere Dialekte – vom Schwäbischen über Sächsisch bis Berlinerisch – und zeigt dabei, wie Sprache Barrieren setzt, sie aber auch überwindet.
Schlagfertiger Dialog
„We Are The Germans“ markiert den ersten großen Schritt in seiner Karriere als Solo-Live-Comedian auf eigener Tournee, wie er freudig in Kehl ankündigte: „Jetzt derf i mi au Comedian nenne.“ Die Show gewann bei der Premiere eine besondere Lebhaftigkeit und Eigendynamik aus dem schlagfertigen Dialog zwischen Cossu und dem Auditorium. Viele humorvolle Momente entstanden im Publikum selbst, wie auch das Leitmotiv des Abends „Urloffen“ (mit seinem Meerrettich und anderen lokalen „Berühmtheiten“).
Kulturelle „Investigation“
Nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Mehrheit des Publikums nicht aus Kehl stammte, sondern von auswärts kam (inklusive aus Freiburg, dem Schwarzwald und sogar Leverkusen), startete Cossu eine lustige kulturelle „Investigation“, bei der einige Zuhörer intelligent beimischten. Lokalpatriotismus wurde dabei liebevoll auf den Arm genommen, ebenso wie das klischeehafte Denken.
Haltung trifft Zeitgeist
„Ich bediene mich bestimmter Stereotype, ich verstärke sie aber nicht. Mir ist es wichtig, sie nicht platt auszuspielen, sondern sie auch mal in einen anderen Kontext zu stellen“, betonte der Künstler. Diese Haltung trifft den Zeitgeist und unterscheidet ihn von vielen anderen Comedians. Für seine künstlerische Leistung wurde Cossu übrigens mit dem Landespreis für Dialekt Baden-Württemberg ausgezeichnet – und vom Publikum in Kehl mit stürmischem Applaus und Lob belohnt.
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