Die Industrie im Südwesten steht klar hinter dem Mercosur-Abkommen. Fast 90 Prozent sehen im Abkommen eine Wachstumschance für den industriellen Mittelstand in Baden-Württemberg. Das ist das Ergebnis einer wvib-Umfrage zu dem Freihandelsabkommen. Für viele Unternehmen hat dieses noch begrenzte direkte Wirkung und für immerhin 14 Prozent der Unternehmen ist das Mercosur-Abkommen schon heute von hoher Relevanz für das eigene Geschäft.
Mittlerer Nutzen
Demgegenüber stufen 51 Prozent die Bedeutung bislang als mittel ein, 30 Prozent als eher gering, wie die wvib Schwarzwald AG in einer Pressemitteilung schreibt. Der Anteil der Unternehmen, die in dem Abkommen keinerlei Relevanz für ihr Geschäft erkennen, liegt demnach bei nur fünf Prozent.
Unterzeichnung am Samstag
Laut wvib steht das Abkommen kurz vor der Unterzeichnung. Vorausgegangen waren 25 Jahre Verhandlungen mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wolle das Abkommen am Samstag in Asunción (Paraguay) unterzeichnen. Unter den EU-Mitgliedsstaaten war zuvor eine ausreichende Mehrheit zustande gekommen. Als weiterhin offen gilt jedoch die Zustimmung im Europäischen Parlament.

Die Industrie im Südwesten sieht eine Chance im Mercosur-Abkommen. Foto: Lifestylememory/freepik
Viele Unternehmen erwarten schnelle Effekte
Mit der Ratifizierung des Mercosur-Abkommens würden zahlreiche Zölle nicht sofort entfallen, heißt es weiter. Beim Import von Maschinen aus der EU würden die Abgaben beispielsweise schrittweise über einen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren abgebaut. Dennoch rechnen viele Umfrage-Teilnehmer mit einer vergleichsweise schnellen Wirkung: Mit 44 Prozent erwartet knapp die Hälfte der Unternehmen innerhalb der nächsten zwei Jahre positive Effekte, weitere 44 Prozent innerhalb von drei bis fünf Jahren. Sechs Prozent gehen davon aus, dass sich positive Effekte erst zu einem späteren Zeitpunkt zeigen werden.
„Antwort auf Protektionismus“
„Das Abkommen mit den Mercosur-Staaten ist unsere Chance für ein offenes und wettbewerbsfähiges Europa. Dieser Handelsdeal ist die angemessene Antwort auf Abschottung, Protektionismus und Isolationismus. Unsere Unternehmen brauchen offene Märkte und verlässliche Handelsregeln aktuell mehr denn je. Gerade wenn andere Länder die Zugbrücke hochziehen, müssen wir uns für den freien Handel stark machen“, kommentiert demzufolge wvib-Hauptgeschäftsführerin Hanna Böhme das Ergebnis der Umfrage und die anstehende Unterzeichnung des Abkommens.
Kostensenkung im Blick
Weniger Zölle würden den Export stärken und Kosten senken, was Unternehmen und Verbrauchern gleichermaßen zugute käme. Böhme: „Wer das Abkommen nun noch zu Fall bringen möchte, überlässt Staaten das Feld, die deutlich geringere Ansprüche an Standards haben und sicher nicht so viele Fragen stellen.“

Bauern blockieren eine Brücke aus Protest gegen das Mercosur-Abkommen. Foto: doosenwhacker/pixabay
Kritik aus der Landwirtschaft
Das Mercosur-Abkommen steht jedoch auch massiv in der Kritik. Wo die deutsche Industrie Vorteile sieht, sind europäische Landwirte strikt dagegen. Immer wieder kommt es zu Protesten. So blockierten die Landwirte beispielsweise wiederholt die Europabrücke bei Kehl mit ihren Traktoren. Die Bauern befürchten, dass der europäische Markt mit Billig-Importen aus Südamerika überschwemmt wird und ihnen damit die Lebensgrundlage entzogen wird.
Verbände wie der BLHV sind kritisch
Die Kritik kommt von Verbänden wie dem Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband (BLHV) oder laut ndr online von „Land schafft Verbindung“. Die darin organisierten Bauern rechnen mit ungehinderten Importen von Produkten, die nicht nach EU-Standards produziert sind. So würde Fleisch aus Hormonbehandlung oder gentechnisch verändertes Soja massenhaft in die EU gelangen. „Land schafft Verbindung“ fordert einheitliche Produktionsstandards für alle Marktteilnehmer.
„Volkswirtschaftlich absolut richtig“
Doch nicht alle Landwirte sind grundsätzlich gegen Freihandelsabkommen. Thomas Huschle, Kreisvorsitzender des BLHV für Rastatt, Bühl und Achern, kann Mercosur auch etwas positives abgewinnen, wie er gegenüber dem Ortenau Journal vor einem Jahr sagte, schränkt aber ein: „Volkswirtschaftlich halte ich es für absolut richtig, Handelsbeschränkungen abzubauen. Da muss ich nicht lange nachdenken. Aber es gehört natürlich eine gewissen Fairness dazu, dass einzelne Produktionszweige wie hier der Agrarsektor, nicht verkauft werden, um in anderen Bereichen gut dazustehen.“

Kritiker befürchten eine schnellere Abholzung des Amazonas-Regenwalds. Foto: Ylvers/pixabay
Abholzung des Regenwaldes
Umweltverbände und NGOs befürchten wiederum trotz der Beteuerungen der Verantwortlichen in Brüssel eine stärkere Abholzung des brasilianischen Amazonas-Regenwalds, um Platz für weitere Agrar-Anbauflächen, beispielsweise für Soja, zu schaffen. Sie bemängeln zudem, dass brasilianische Agrarkonzerne Ackergifte rücksichtslos einsetzen würden, die in der EU längst verboten sind.
Siehe auch hier:
Reformstau, Rentenpaket, Führungswechsel: Das sind die zentralen Botschaften der wvib-Versammlung